Maschinenbau ist hungrig auf Startups

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Mit Jungunternehmen Zukunftsmärkte schaffen und erobern – immer mehr Maschinenbauer schreiben sich das auf ihre Fahnen. Die Suche nach passenden Partnerunternehmen und Kooperationsmodellen wird damit zur zentralen Aufgabe im Maschinenbau. Ein Startup-Radar dient hierzu als wichtige Starthilfe.

“Not all the smart people work for you” – was Professor und Open-Innovation-Papst Harry Chesbrough bereits 2003 im wegweisenden Artikel “The Era of Open Innovation” betonte,  hat sich mittlerweile auch in vielen Köpfen der Unternehmen im Maschinen- und Anlagenbau verankert. Wer in Zukunft noch führend sein möchte, sollte sich Innovationen öffnen, die außerhalb des eigenen Unternehmens entstehen, und somit selbst zum Gestalter von disruptiven Umbrüchen im Markt werden. Die Zusammenarbeit mit Startups ist ein Weg, solche externen Innovationspotenziale im Unternehmen zu erschließen und nutzbar zu machen. Das kann von inkrementellen Prozessinnovationen bis hin zu gänzlich neuen Geschäftsmodellen gehen, die die Geschäftslogik des Unternehmens komplett auf den Kopf stellen. 

 

Vom einstigen Startup zum Partner von Startups: Was die Zusammenarbeit der Basler AG bringt und wie sie dabei vorgeht, verrät Ingo Lewerendt, Head of Strategic Business Development.

Erste Startup-Studie für den Maschinen- und Anlagenbau

Dass Maschinenbauer die Bedeutung von Startups erkannt haben, belegt eine VDMA-Mitgliederbefragung, die VDMA Startup-Machine in Kooperation mit der EBS Universität für Wirtschaft vorgenommen hat. In dieser wird erstmals aufgezeigt, wie aufgeschlossen Unternehmen im Maschinen- und Anlagenbau gegenüber dem Thema Startups bereits sind und wie aktiv sie mit Jungunternehmen zusammenarbeiten. 
Zwei Drittel der Befragten sind demnach überzeugt, dass Startups den Erfolg ihrer Branchen in den nächsten drei Jahren wesentlich beeinflussen werden. Bereits heute sind Maschinen- und Anlagenbauer progressiv in der Zusammenarbeit mit Startups: 55 Prozent der befragten Unternehmen haben in den letzten drei Jahren bereits mit Startups kooperiert – eine beachtliche Zahl wie der Vergleich mit anderen Industrien zeigt: So waren es bei den größeren deutschen Familienunternehmen mit mehr als 50 Millionen Jahresumsatz einer Erhebung des BDI zufolge nur 48 Prozent. Auch kleine und mittlere Unternehmen im Maschinenbau öffnen sich zunehmend gegenüber solchen Kooperationen. Bereits 44 Prozent von ihnen haben bereits mindestens ein Projekt mit einem Startup durchgeführt. Nach einer Studie des RKW Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft haben bisher erst 38 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen in Schlüsselbranchen bereits Kooperationserfahrungen mit Startups gesammelt. Die Zusammenarbeit zahlt sich dabei in der Regel aus. Knapp 70 Prozent der Befragten waren mit dem Kooperationserfolg zufrieden. Das macht Mut. Wenig verwunderlich daher, dass bis 2021 bereits fast drei Viertel der Befragten mit Jungunternehmen ko-innovieren möchten.

 


Schlüsselergebnisse der Studie:

Mehr als zwei Drittel der Befragten halten Startups für strategisch relevant für ihre Branche
Über die Hälfte der Befragten arbeitet bereits heute mit Startups zusammen – fast drei Viertel möchten in den nächsten Jahren damit beginnen.

Knapp 70 Prozent der Unternehmen, die bereits mit Startups zusammenarbeiten, sind mit dem Kooperationserfolg zufrieden.

Die Top-Motive sind der Zugang zu neuen Technologien und neuen Geschäftsmodellen sowie Produkten.

Die meistgenutzte Kooperationsform bei den Startup-aktien Maschinenbauern ist die projektbezogene Kooperation.


Die Studie steht ab jetzt VDMA-Mitgliedern sowie der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung.
Auf Anfrage wird sie elektronisch bereitgestellt.
 

 

Motive für die Kooperation mit Startups

Gründe für die Zusammenarbeit mit Startups gibt es viele. 93 Prozent der Befragten führten an, durch die Kooperation Zugang zu neuen Technologien und Prozesswissen erhalten zu wollen. Auf die Entwicklung neuer Produkte und Geschäftsmodelle zielen 90 Prozent der Befragten. Besonders begehrt bei Maschinen- und Anlagenbauern sind dabei Startups in Technologiethemen der Zukunft wie Industrie 4.0/Industrial Internet of Things (IIoT) (93 Prozent) oder Data Analytics und Künstliche Intelligenz (83 Prozent). Die Zusammenarbeit mit Jungunternehmen ist somit ein guter Weg, um Zukunftstechnologien zu erschließen und diese schnell im Unternehmen und der Entwicklung neuer Produkte nutzbar zu machen. Startups erhöhen die Geschwindigkeit im Unternehmen und tragen dazu bei, die Zeit bis zur Marktreife einer Idee zu verkürzen. Zugleich ermöglichen Sie das Austesten neuer Ideen jenseits des klassischen Kerngeschäfts des Unternehmens.

 

 

Erfolgsmodelle der Zusammenarbeit mit Startups

Für die Zusammenarbeit mit Startups steht ein breites Spektrum an Kooperations- und Innovationsmodellen bereit. Dazu gehören einfachere Formen der Zusammenarbeit wie projektbezogene Kooperationen, aber auch längerfristige Partnerschaften wie Kunden-Lieferanten-Beziehungen oder Joint Ventures. Und immer mehr Firmen nutzen auch unternehmenseigene Innovationsmodelle wie Acceleratoren oder Corporate-Venture-Einheiten. Besonders beliebt im Maschinen- und Anlagenbau sind flexible, zweckgebundene und einfach einzurichtende Kooperationsmodelle, die einen unmittelbaren Nutzen mit sich bringen. Mit 75 Prozent, beziehungsweise 56 Prozent werden derzeit die projektbezogene Kooperation und die Kunden-Lieferanten-Beziehung am häufigsten von Maschinen- und Anlagenbauern verwendet. Sie erfordern einen verhältnismäßig geringen Ressourcenaufwand und sind somit ein optimales Einstiegsmodell für Maschinenbauer in die Startup-Kooperation. Sie sind damit insbesondere auch für die kleinen und mittleren Unternehmen attraktiv. Die Kehrseite der Flexibilität und geringen Bindung ist jedoch, dass eine langfristige Teilhabe am Startup nur bedingt gegeben ist.

Ist ein Unternehmen bereit, sich langfristig zu engagieren und scheut auch nicht vor hohem Ressourcenaufwand zurück, so kann der Betrieb von Eigenkapital-basierten unternehmensinternen Innovationsinitiativen wie zum Beispiel Corporate Business Acclerators oder Corporate Business Labs in Betracht gezogen werden. Corporate Business Acclerators sind eigenständige Unternehmenseinheiten, in denen Startups mit bereits fundiertem Geschäftsmodell zeitlich limitiert bei der schnellen Entwicklung unterstützt werden. Corporate Business Labs sind Initiativen, in denen Unternehmensvertreter neue Innovationen eigenständig oder kollaborativ mit externen Partnern entwickeln. Sie sind aufwendiger zu implementieren und zu betreiben, bringen aber hohe Potenziale mit sich, indem externe Startups strategisch gebunden oder im Unternehmen eine neue Innovationskultur auf den Weg gebracht werden kann. Bisher werden Corporate Business Acclerators erst von 15 Prozent, Corporate Business Labs immerhin schon von 30 Prozent der kooperationserfahrenen Maschinen- und Anlagenbauer verwendet. Aber ihre Attraktivität steigt: 2021 wollen bereits fast 50 Prozent der Kooperationswilligen solche Innovationslabore im Unternehmen implementiert haben. Welche Kooperations- und Innovationsmodelle schließlich gewählt werden, hängt von den spezifischen Zielen des Unternehmens und den Ressourcen ab. Wichtig ist, dass ein strategischer Fit gegeben ist.

 

Wie profitiert Rolls-Royce Power Systems von der Zusammenarbeit mit Start-ups? Dr. Matthias Vesper, Executive Expert Innovation, Ideation & Ecosystems, gibt Einblick in die Start-up-Strategie des Unternehmens und erklärt, wie auch Mittelständer erfolgreich mit Startups kollaborieren können.

 

Hartmut Rauen, stellvertretender Hauptgeschäftsführer im VDMA, erläutert, wie der Maschinen- und Anlagenbau zu Startups steht und was für neue Services VDMA-Startup-Machine in 2019 bereitstellt.

 

Startup-Scouting als Herausforderung

Vor einer Kooperation mit Startups steht allerdings das Screening von Startup-Trends sowie das Scouting von Kandidaten in der internationalen und diffusen Startup-Szene. Das ist eine komplexe und umfangreiche Aufgabe. Immerhin 42 Prozent der Startup-affinen Maschinen- und Anlagenbauer stellen sich dieser Herausforderung und betreiben ein eigenes Startup-Scouting – davon sind 23 Prozent kleine und mittlere Unternehmen. Dies zeigt aber auch ganz klar, dass ein Großteil der Unternehmen Unterstützung bei der Startup-Suche und beim Matchmaking benötigt.

 

VDMA Startup-Radar

Um Maschinen- und Anlagenbauer bei dieser unternehmensstrategischen Aufgabe zu unterstützen, veröffentlicht VDMA Startup-Machine im April 2019 den VDMA Startup-Radar:  ein Machine-Learning-basiertes Instrument, mit dem sich weltweit Startup-Trends und Startup-Kontakte mit Maschinenbaurelevanz aufspüren lassen. Entstanden ist das Produkt in Kooperation mit dem Berliner Business-Intelligence-Anbieter AtomLeap. Der Startup-Radar stellt für VDMA-Mitglieder eine Navigationshilfe durch die umfangreiche und heterogene Startup-Landschaft dar. Er ist dabei Wegweiser, indem er aufschlüsselt, in welchen Themenfeldern Startups aktiv sind (sogenannte Startup-Aktionsfelder). Er gibt Aufschluss über aktuelle Trends zu Neugründungen, globaler Verteilung der Startups („Hotspots“) und Finanzierungstrends entlang der Aktionsfelder. Zudem ist er auch ein Suchwerkzeug, indem VDMA-Mitglieder neben der Publikation auch eine durchsuchbare Longlist erhalten, in der Startups thematisch aufgeschlüsselt werden. Damit unterstützt der Startup-Radar VDMA-Mitglieder dabei, passende Kooperationspartner zu finden und anzusprechen. Im Fokus stehen Startups mit Maschinenbaurelevanz, die mit ihren Fähigkeiten und Services komplementär zu unserer Industrie sind.

Um diese Startups zu gewinnen, sammelt AtomLeap mit einer eigens entwickelten Software weltweit Daten von Jungunternehmen. Für die Verarbeitung und Interpretation der großen Datensätze setzt AtomLeap Verfahren des maschinellen Lernens ein. Dieses ermöglicht, die identifizierten Startups thematisch zu gruppieren, um auf diese Weise die wesentlichen Startup-Aktionsfelder für den Maschinenbau zu identifizieren. Dabei orientiert sich die Machine Learning gestützte Cluster-Analyse am Pareto-Prinzip: Identifiziert werden konnten acht Aktionsfelder, auf die sich mehr als 80 Prozent der weltweit identifizierten Startups verteilen.

 

So verschieden die einzelnen Startup-Bedarfe entlang der unterschiedlichen Maschinenbaucluster und Unternehmen auch sein mögen, im Startup-Radar finden VDMA-Mitglieder ein Scouting-Tool, das für alle nutzbar und aufschlussreich ist. Der Startup-Radar dient dabei zum einen Unternehmen, die noch am Anfang der Startup-Zusammenarbeit stehen, indem diese ein Einstiegsinstrument mit wichtigen Kontextinformationen und integrierter Kontaktliste erhalten. Zum anderen profitieren auch Unternehmen, die ein eigenes Startup-Scouting vornehmen, indem diese ihre eigenen Ergebnisse validieren und anreichern können.

 

VDMA Startup-Radar
Die spannendsten Startups für den Maschinenbau weltweit aufspüren

 

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Erfahren Sie mehr zum Radar auf der Hannover Messe im Vortrag

„Startup-Analyse zu Maschinenbau-relevanten Trends weltweit – wie geht das?“
von Dr. Robin Tech, AtomLeap GmbH

Wann?
01.04.2019 | 15.00 - 15:30 Uhr
Wo?
Forum “Motion & Drives”, “Future Business”-Session
Halle 23, Stand B20